Praktikum in Valparaíso, Chile
Johannes
Elektrotechnik und Informationstechnik, HTWK Leipzig
Meine Erfahrungen bei der Suche der Praktikumseinrichtung und Bewerbung
Auf die PUCV bin ich über das DAAD-RISE-Programm aufmerksam geworden. Die Bewerbung darüber hat für dieses Projekt zwar nicht geklappt, aber der Kontakt zum Professor an der PUCV bestand bereits. So habe ich den Praktikumsplatz direkt mit ihm abgestimmt und bekam die Zusage ohne Schwierigkeiten. Die eigentliche Hürde war die Finanzierung: Ein Stipendium des DAAD (außerhalb von RISE) wurde mir zuvor abgelehnt, sodass ich das Praktikum schließlich über Erasmus+ mit Leonardo-Sachsen gefördert bekommen habe. Es handelte sich um ein Graduiertenpraktikum nach dem Bachelor.
Benötigt habe ich die üblichen Unterlagen (Lebenslauf, Motivationsschreiben, Learning Agreement); einen Sprachnachweis brauchte ich nicht, da meine Betreuer Deutsch sprechen. Die Abstimmung mit der HTWK Leipzig und Leonardo-Sachsen war unkompliziert, meine Mails wurden immer direkt beantwortet. Wichtig war, vorab genau mit beiden zu klären, ob mein Praktikum förderfähig ist. Das Mobility-Online-Portal fand ich, wie viele andere auch, nicht besonders nutzerfreundlich, aber das ist ein deutschlandweites Thema.
Meine Erfahrungen bei der Wohnungssuche und Anreise
Die Wohnungssuche funktioniert in Valparaíso deutlich besser vor Ort als aus der Ferne. Ich hatte Glück und habe eine Gastfamilie gefunden, die mich sehr herzlich aufgenommen hat. Das kann ich besonders empfehlen, auch um die Sprache zu lernen. Ich habe 250 € im Monat gezahlt, was etwas unter dem Durchschnitt liegt (vermutlich eher um die 300 €).
Angereist bin ich per Flug über Barcelona nach Santiago de Chile und von dort weiter mit dem Flixbus. Das war insgesamt etwas teurer, als es die Erasmus+-Reisekostenpauschale vorsah, weil die Kerosinpreise hoch waren.
Mein Tipp: In Chile gibt es ein großes Netzwerk von Deutschen, zum Beispiel über Facebook-Gruppen. Dort findet man schnell Hilfe und Orientierung und wird seltener Opfer von Abzocke.
Mein Tipp an euch:
Sucht eure Unterkunft am besten vor Ort und zieht, wenn möglich, in eine Gastfamilie, das hilft enorm beim Sprachenlernen.
Meine Erfahrungen im Praktikum
Ich war im Forschungslabor LabSens der School of Electrical Engineering an der PUCV, das Sensoren und Messinstrumente für angewandte Forschung entwickelt, vor allem zu Lichtverschmutzung und Nachthimmelhelligkeit. Dort habe ich die optische Charakterisierung eines SiPM-basierten Messinstruments für die Nachthimmelhelligkeit übernommen. Dafür habe ich mit Ansys Zemax und Python eine automatisierte Ray-Tracing-Simulation aufgebaut, die Ergebnisse radiometrisch ausgewertet und den Einfluss von Fertigungstoleranzen untersucht.
Ich habe überwiegend selbstständig am Laptop gearbeitet, dazu kamen einzelne Einsätze im Labor. Ich hatte viel Freiheit bei der Umsetzung und wurde trotzdem angeleitet, wenn ich es brauchte. Die Kommunikation lief auf Deutsch. Gemeinsam mit meinem Betreuer habe ich außerdem einen ersten Entwurf für ein wissenschaftliches Paper geschrieben.
Eine Schwierigkeit war, dass im Team kaum jemand mit Zemax vertraut war. Statt es allen einzeln zu erklären, habe ich eine Oberfläche gebaut, über die sich die Simulationen auch ohne Vorkenntnisse starten und auswerten lassen. Der Code ist dokumentiert und als Open-Source-Repository veröffentlicht, damit das Labor damit weiterarbeiten kann. Fachlich habe ich meine Programmierkenntnisse und die optische Simulation vertieft, persönlich habe ich gelernt, deutlich eigenverantwortlicher zu arbeiten.
Meine Erfahrungen mit Alltag und Freizeit vor Ort
Zur Uni bin ich mit dem Micro (Bus) gefahren, rund 15 Minuten direkt an der Küste entlang, für etwa 600 chilenische Pesos (rund 60 Cent) pro Fahrt. Essengehen war ähnlich teuer wie in Deutschland, Einkaufen im Supermarkt dagegen eher teurer. Das Leben ist insgesamt einfacher als bei uns: Viele Häuser haben zum Beispiel keine Heizung, und die Leute wirken zufrieden mit dem, was sie haben.
Meine Gastfamilie war großartig, die Mitglieder wurden für mich zu engen Freunden. Mein Spanisch habe ich nach und nach verbessert, auch wenn der chilenische Dialekt anfangs eine echte Herausforderung ist. In meiner Freizeit war ich viel bouldern (es gibt mehrere Boulderhallen), manchmal surfen, habe Tagesausflüge zum Wandern in die Anden gemacht und an Wochenenden Santiago besucht. Kontakte zu lokalen Studierenden und anderen Austauschstudierenden habe ich vor allem außerhalb der Uni beim Bouldern geknüpft.
Chile ist ein sehr politisches und spannendes Land mit einer interessanten Einwanderungsgeschichte, und die Natur ist beeindruckend. Bei der Sicherheit sollte man aufmerksam sein: Leute sprechen oft von gefährlichen Orten, und Bekannte von mir wurden ausgeraubt. Mir selbst ist nichts passiert, und ich habe die Zeit insgesamt sehr genossen.
Mein Fazit & Tipps
Für mich war es der erste Aufenthalt in Lateinamerika und zugleich ein ganz neues Arbeitsumfeld, und beides hat sich sehr gelohnt. Fachlich konnte ich mein eigenes Projekt weit vorantreiben, persönlich habe ich Spanisch gelernt, enge Freundschaften geschlossen und ein Land kennengelernt, das mich sehr beeindruckt hat. Später war ich auch in der Atacama-Wüste, wo die Geräte eingesetzt werden, für die das Labor arbeitet.
Weniger schön waren die hohen Kosten: Flüge, Lebensmittel und Supermarkteinkäufe sind deutlich teurer als erwartet. Außerdem muss man in Chile aufmerksam sein, was die Sicherheit angeht, und der chilenische Dialekt ist anfangs eine Herausforderung.
Meine Tipps: Sucht eure Unterkunft am besten vor Ort und zieht, wenn möglich, in eine Gastfamilie, das hilft enorm beim Sprachenlernen. Nutzt das deutsche Netzwerk in Chile (z. B. Facebook-Gruppen) für Hilfe und Orientierung. Und vor allem: Genießt die Zeit und verbringt nicht nur Zeit mit Arbeit. Ich würde es jederzeit wieder machen, dann aber mit noch etwas mehr Zeit für Freizeit.
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